De rode Gerd - Auf Schmugglerkurs

De rode Gerd

Als um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nach dem Anschluss des Königreiches Hannover an den von Preußen gegründeten Zollverein auch hierzulande in der Region des Teufelsmoores die Grenzaufsicht zur nahen Hansestadt Bremen mit konsequenter Präsenz gehandhabt wurde, war es für die Torfschiffer aus dem Teufelsmoor äußerst gefährlich geworden, sich mit Schmuggelgut ein heimliches Zubrot zu beschaffen. Und doch gab es immer wieder Moorleute, denen es nicht an Mut und Verwegenheit mangelte, bei lohnender Gelegenheit aus dem bedrückenden Dasein eines „Torfsklaven“, wie sie ihr Elend zu benennen pflegten, auszubrechen. Zu diesen Teufelskerlen zählte zweifellos „de rode Gerd“, der allein schon durch seine kraftvolle und hünenhafte Gestalt entsprechendes Aufsehen erregte. Ein brandroter Haarschopf trug ihm das Attribut seines Namens ein. Die rechte Hand umkleidete ständig ein schwarzer Lederhandschuh, der nur die vordersten Fingerglieder unbedeckt ließ. Den Grund dafür gab Gerd auf Befragung mit einer unheilbaren Hautkrankheit an, die, wie er es unmissverständlich ausdrückte, allein ihn etwas anginge. Leicht aufflammende Streitbarkeit und wilde Leidenschaft bestimmten oft genug seine Handlungsweise, und der Branntwein tat ein Übriges. Die Dorfbewohner begegneten ihm mit großem Argwohn und bewusster Distanz. Im Gegensatz zu ihnen war es dem „Roten“ offensichtlich gelungen, ohne harte Arbeit zu Geld und Wohlstand zu kommen. Wie sonst, als auf unredliche Art und Weise, war so etwas möglich geworden, mutmaßten seine Nachbarn. Gerd galt als einer der gewieftesten Schmuggler der ganzen Gegend. Dieser Umstand wiederum ließ im Ansehen der Moorleute sogar Anerkennung, ja selbst Bewunderung aufkommen. Doch das Misstrauen überwog. Auch blieben viele Geschehnisse seiner heimlichen Unternehmungen unerklärlich und mysteriös. Seiner Kumpanen wurden die Grenzkontrolleure habhaft oder fischten sie als Ertrunkene aus dem Wasser. Der „Rote“ aber verstand es mit großem Geschick, seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge zu ziehen, und im Dorf wurde gemunkelt, seine rechte Hand sei in Wahrheit rot von Menschenblut, das er nie wieder abwaschen könne. Nur deshalb trüge er unentwegt seinen schwarzen Handschuh.

Freiwillig kam gewiss keiner seiner heimlichen Mitstreiter zu ihm. Deshalb borgte er wohlweislich in Not geratenen Leuten Geld oder übernahm deren Hypotheken, um sie in dieser Abhängigkeit bei Bedarf unter Druck zu setzen. Auch mit Alkohol, über den er reichlich verfügte, gelang es ihm oft genug, Ahnungslose zu Versprechungen zu bewegen, die er dann notfalls mit Drohungen und Gewalt einforderte.

Die „hohe“ Zeit der Schmuggler brach alljährlich mit dem langanhaltenden Hochwasser in den Herbstmonaten an. Bei „Groot Water“, wenn sich der Überfluss des Weserwassers in Lesum, Wümme und Hamme staute, und die Niederung zwischen Osterholz und dem Weyerberg einem großen See glich, aus dem nur noch die Hauswurten wie Inseln hervorragten, vermochten sie mit ihren flachgängigen Torfkähnen auch dort aufzukreuzen, wo sommertags die Rinder weideten.

Stürmische Oktobernacht im überfluteten Blockland! Immer nur für Augenblicke geben die dunklen flüchtigen Wolken das Mondlicht frei, in dem jetzt auch ein einzelnes Schiff unter vollem Segel zu erkennen ist. Schwer drückt die Ladung. Die aufgepeitschte Flut pulscht gefährlich über den Süllrand. Vier Männer hocken an Bord. Gischtfetzen treibt ihnen der Sturm ins Gesicht. Es ist das Schmugglerschiff des „Roten Gerd“. Bis zum Äußersten angespannt harrt der Erzschmuggler auf seinem Posten aus. Jetzt wird die geborstene Stelle des Blockländer Deiches erreicht. Sie überqueren die Wümme. Auch drüben ist der Deich gebrochen. Er wird in rasender Fahrt passiert. Das weite St. Jürgensland liegt vor ihnen. Stur gen Osten geht der Kurs. War da nicht plötzlich ein dunkler Punkt in der nachtgrauen Wasserwüste zu erkennen? Treibendes Buschwerk? Ein schwimmender großer Erdklumpen? Gerd greift instinktiv dem Steuermann ins Ruder und reißt das Schiff halb herum. Vier Augenpaare sind nun unentwegt auf den rätselhaften Gegenstand gerichtet, der ihnen immer näher kommt. Urplötzlich tönt es: „Halt!“ Es ist das Boot der Grenzaufseher. Fortwährend schallen die Haltrufe zu den Schmugglern herüber. Gerd taucht zur Koje hinab, um, zu allem entschlossen, seinen Kumpanen geladene Pistolen in die Hand zu drücken. Der Schnellsegler der Grenzaufseher ist nun bedrohlich nahe herangekommen. Doch immer noch suchen die Schmuggler ihr Heil in der Flucht. Da krachen kurz nacheinander Gewehrschüsse. Kugeln zischen über sie hinweg und schlagen in das schwere geteerte Segel. Das Zollboot hat den Torfkahn erreicht. „Nun schießt doch endlich!“ fährt der „Rote“ seine Leute an. Doch diese kauern unbeweglich hinter den Säcken der Ladung. „Herr Gott, den kenn' ich ja! Warte roter Halunke, du wirst uns heute nicht entwischen!“, tönt es vom Zollboot herüber. Doch Gerd weiß eine Antwort. Zum Letzten entschlossen greift er zur schweren Ruderstange, drängt wütend auf den Rufer ein und wirbelt in wilden Schwüngen seine ungewöhnliche Waffe durch die Luft. Augenblicklich zerreißt das Holz das Segel und trifft mit hartem Schlag den Kopf des Angegriffenen, der vornüber plump ins Wasser stürzt. Jetzt heißt es: Zeit gewinnen! Ehe die Aufseher den hilflosen Kollegen geborgen und das lädierte Segel notdürftig in Stand gesetzt haben, sind die Schmuggler längst im Dunkel der Nacht entschwunden.

Der vom „Roten Gerd“ so übel zugerichtete Grenzaufseher ist der einzige der Kontrolleure gewesen, der ihn erkannt hatte und ihm deshalb sein „Handwerk“ hätte legen können. Doch der schwebt jetzt in akuter Lebensgefahr und seine Gehirnverletzung ist so schwerwiegend, dass er wohl zeitlebens schwachsinnig bleiben muss.

Das Torfschiff der Schmuggler war vorsorglich für die Tat entwendet worden und dümpelt am nächsten Morgen mit beschädigtem Segel wieder wohl vertäut an seinem alten Liegeplatz. Die Frevler bleiben unerkannt.

So kennt denn Gerd ein paar Wochen später auch keinerlei Skrupel, erneut sein Abenteuer zu wagen. Es ist in einer windstillen Novembernacht. Er und seine Kumpanen müssen sich mit den Riemen mächtig ins Zeug legen, um den schwer beladenen Kahn voranzubringen. „Verdammt!“, fährt es Gerd über die Lippen, denn auch diesmal muss er entdecken, dass ihnen ein Zollboot auf der Spur ist. Noch scheint ihr Vorsprung zu reichen. Es muss ihnen gelingen, rechtzeitig an die flache Bruchstelle im St. Jürgener Deich zu kommen, die das tiefer gehende Kielboot der Grenzaufseher nicht passieren kann. Doch die schwere Ladung macht ihnen zu schaffen. Rasch sind die Verfolger heran und versperren ihnen das Schlupfloch. Wieder einmal tönt es: „Halt! Halt!“ Die Schmuggler suchen ihr Heil in Richtung Bremer Seite. Schüsse krachen. Kugeln durchbohren die Bordwand. Wasser dringt ein. Das Schiff droht zu sinken. Mit letzter Kraft gelangen sie ans andere Ufer, wohin ihnen die Aufseher nicht folgen dürfen. Einer der Verfolgten springt ans Ufer und flüchtet über den Deich. Ein anderer wird an Bord tödlich getroffen. Den letzten seiner Begleiter stößt Gerd mit einem kräftigen Ruderschwenk über Bord, weil er von ihm Verrat fürchtet. Als dieser kurz danach wieder auftaucht, sich mit beiden Händen krampfhaft an die Bordkante klammert und laut um Hilfe fleht, verpasst ihm der „Rote“ einen kräftigen Hackentritt ins Gesicht, so dass er wie leblos unter Wasser verschwindet. Ehe das Zollboot herangekommen ist, hat sich der Übeltäter wieder einmal in Sicherheit gebracht. Gerade noch können die Beamten die Leiche des erschossenen Schmugglers an Bord nehmen, als auch schon das Schmuggelschiff mit allen Waren vor ihren Augen versinkt.

Im folgenden Jahr an einem Nachmittag im August, Torfschiffe segeln schon wieder vereinzelt gen Bremen, steht über der Wümme eine drohende Gewitterfront. Windstöße jagen über das Wasser. Eiligst suchen die Schiffer den Schutz des nahen Ufers und machen dort ihre Kähne an Baumstämmen oder herabhängenden Zweigen fest. Doch keiner denkt daran, der Nässe auszuweichen und in die trockene Koje zu kriechen. Zu sehr sind ihre Blicke auf eine Szene gerichtet, die sich nur einen Steinwurf weit am jenseitigen Ufer vor ihnen abspielt. Unablässig bemüht sich dort ein anderer, mit seinem Boot auch in den Schutz ihres Ufers zu gelangen.

Regen und Wellenschlag dringen fortgesetzt in das schwerbeladene Fahrzeug, das von Minute zu Minute tiefer sinkt. Und doch kämpft sich der Schiffer mit dem Mut der Verzweiflung näher und näher an die gespannt Ausharrenden heran. Mit ihren beladenen Schiffen können sie ihm selbst nicht zu Hilfe kommen. Soviel ist gewiss, sie müssen warten, bis sie ihm vielleicht ein Tauende hinüberwerfen können.

„Minsch, dat is he!“ schreit plötzlich einer der Schiffer den anderen zu. „Nums an'ers as de „Ro'e Gerd“!“ Wohl jeder von ihnen spürt jäh den inneren Zwiespalt, der jetzt arg zusetzt. Endlich die verdiente Strafe für all dessen Untaten. Doch im Kampf um Leben und Tod darf sich keiner der Hilfe entziehen. Ein Tauende wird geworfen. Es reicht nicht heran. Wieder und wieder wird es erfolglos versucht. Nun ist auch die Ladung deutlich zu sehen. Volle Säcke mit Salz, in die nach und nach Nässe dringt. Heftig schlägt noch einmal eine Welle ins Schiff, und wie ein Bleigewicht sinkt der Schmugglerkahn in die Tiefe.

Alsbald taucht der „Rote“ mit weit aufgerissenen Augen wieder auf. Wild fuchtelt sein hoch gestreckter rechter Arm mit dem schwarzen Handschuh. Ein gequälter Schrei! Nochmals wirft man ihm ein Tauende zu. Begierig hascht der Ertrinkende danach. Vergeblich! Dann verlassen ihn endgültig die Kräfte. Er wir hernach nicht wieder gesehen.

Ironie des Schicksals, im Jahr zuvor hatte der „Rote Gerd“ an jenem Ort auf grausame Weise seinen hilflosen Steuermann in den Tod befördert. Es ist eine von alten Weiden umstandene Stelle, die von den Torfschiffern für unergründlich gehalten wird. In eine bodenlose Tiefe sollen die hier Ertrunkenen hinabtauchen, um für immer dort unten zu bleiben.

Stürmische Nächte und flackernde Torffeuer bewirken fortan, dass die unheilvolle Lebensgeschichte des „Roten Gerd“ geheimnisvoll von Mund zu Mund getragen und zu einer düsteren Legende verwoben wird.

Aufgeschrieben von Wilko Jäger: „Vom Moorweib und den Weserriesen - Sagen und Geschichten aus dem Landkreis Osterholz“, Lilienthal, Verlag Simmering